06.07.2018

Aufschieberitis


Mann blickt während der Arbeit aus dem Fenster

© shutterstock/NakoPhotography

Für viele Menschen gehört es zum Alltag: das Aufschieben von Dingen, die eigentlich zu erledigen wären. Manche von ihnen „genießen“ geradezu den künstlichen Zeitdruck und brauchen ihn, um besonders effektiv arbeiten zu können. Die „Aufschieberitis“ – auch Prokrastination genannt – kann jedoch auch weitreichende Folgen haben und Betroffene stark belasten. Dann gilt es, die Ursache dafür zu finden und die Angst vor Entscheidungen und Erledigungen zu vermindern.

Was ist Prokrastination?
Das lateinische „procrastinatio“ bedeutet Aufschub, Vertagung – also etwas nicht zu tun, obwohl es fällig ist. Betroffene entscheiden, nicht zu entscheiden: Sie haben Angst vor der Entscheidung und davor, entsprechend zu handeln. Deshalb lassen sie alle zielorientierten Handlungen beiseite und nehmen Ersatzhandlungen vor: Sie putzen Schuhe, räumen auf, beschäftigen sich mit irrelevanten Themen. Mit der verstrichenen Zeit steigt jedoch der Druck, Liegengebliebenes zu erledigen.

Häufigkeit und Ursachen des Aufschiebens
Besonders häufig ist dieses Phänomen bei Freiberuflern und Studierenden anzutreffen, also jenen Personen, die sich ihre Zeit frei einteilen können und von niemandem dazu „gezwungen“ werden, Dinge zu erledigen. Sie müssen mit jeder zu erledigenden Sache die Entscheidung treffen, wann, wie und wo sie sie erledigen. Eine betroffene Person beginnt zu spät mit der Tätigkeit, ist mit sich selbst unzufrieden, erlebt die Tätigkeit als aversiv und angsterzeugend und beschäftigt sich deshalb lieber mit alternativen Tätigkeiten.
Prokrastination muss nicht zwangsläufig dazu führen, dass die endgültige Leistung unter dem Aufschieben leidet, in jedem Fall steigt die Wahrscheinlichkeit hierfür mit dem Schweregrad der Beeinträchtigung.

Typen von Aufschiebern
Verschiedene Typen von Prokrastinierern werden unterschieden:

  • „sensation seeker“: Menschen, die Erregung suchen und deshalb manche Aufgaben erst im letzten Moment erledigen, z.B. Steuererklärungen. Sie führen einen Kampf gegen die Obrigkeit. Sie wollen diese unangenehme Begegnung mit den Behörden einerseits verhindern und andererseits bewältigen sie diesen unausweichlichen Konflikt nur unter hohem Druck.
  • unklare Aufschieber: Sie wissen nicht, warum sie aufschieben. Sie ahnen, dass etwas nicht stimmt, können es jedoch nicht zuordnen.
  • Konfliktscheue: Sie weichen jedem Konflikt aus. Sie halten die Dinge in Schwebe und müssen nicht Position beziehen.
  • Aufgabensammler: Sie nehmen sich zuviel vor und haben eine riesige Aufgabenliste, die sie niemals abarbeiten können. Die Liste der Aufgaben belastet das Arbeitsgedächtnis.


Wie kann man Prokrastination überwinden?
Jede Form von „Aufschieberitis“ wirkt auf Dauer belastend und deprimierend.
Obwohl die „Symptome“ im Vergleich mit Krankheitsbildern psychischer Erkrankungen vergleichweise gering scheinen, ist die Überwindung des aufschiebenden Verhaltens sehr schwierig. Wer das Aufschieben jahrelang in seinen täglichen Ablauf eingebaut hat, muss diese jahrelange Gewohnheit auflösen und durch neue ersetzen.
In der Bearbeitung der eigenen Aufschieberitis sollte man sich vor allem mit Entscheidungen und der Abwehr gegenüber (bestimmten) Aufgaben beschäftigen. Welche Entscheidungen werden getroffen? Weshalb werden sie getroffen, welche Ziele sind dabei vorrangig, was wird für die eigene Lebensqualität gebraucht? Warum lösen bestimmte Aufgaben so eine starke Abwehr aus?

Wer sich selbst die Antworten auf diese Fragen geben kann, dem stehen verschiedene Möglichkeiten der Problemlösung zur Verfügung: Eine Auseinandersetzung mit den Gründen des Aufschiebens oder eine aktive Bewältigung der Aufgaben. Für Letzteres ist eine Zerlegung in kleinere Aufgaben und das Einsetzen eines „Motivators“ sinnvoll.

Literaturtipp:
Leyhausen, Malte (2010): Jetzt tu ich erstmal nichts – und dann warte ich ab. Wie es sich mit Aufschieberitis gut leben lässt. Freiburg im Breisgau: Kreuz
Quellen:
Höcker, A.; Engberding, M.; Rist, F. (2013): Prokrastination: Ein Manual zur Behandlung des pathologischen Aufschiebens. Göttingen u.a.: Hogrefe
Rustemeyer, R.; Callies, C. (2013): Aufschieben, verzögern vermeiden. Einführung in die Prokrastination. Darmstadt: WBG